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Systematische Desensibilisierung



Unter systematischer Desensibilisierung versteht man ein auf J. D. Wolpe (1958) zurückgehendes Konzept zur Behandlung von Ängsten. Basis dieser Behandlungsmethode boten tierexperimentelle Untersuchungen, in denen Wolpe einen schrittweisen Abbau von Angst herstellen konnte. Er setzte dabei die Tiere (vorzugsweise Katzen) Situationen aus, die zunehmend der angstauslösenden Situation ähnelten. Durch diese schrittweise Annäherung und die gleichzeitige Gewöhnung der Katzen an die Situationen erzielte er schließlich ihre vollständige „Therapie“. In ähnlicher Weise finden seither verhaltenstherapeutische Einsätze zur Behandlung verschiedenster Ängste statt. „Die SD [Anm.: systematische Desensibilisierung] galt lange Zeit als das Verfahren der Verhaltenstherapie und wurde Ende der 60er Jahre sogar mit “der Verhaltenstherapie” gleichgesetzt.“ (Reinecker, 1999, S. 154)

Was macht nun den therapeutischen Effekt aus? Wolpes ursprüngliche Konzept sieht einen Prozess der Hemmung vor, indem gleichzeitig zur Angstreaktion eine ihr antagonistische Reaktion erzeugt. Während er bei seinen Katzen vorwiegend über die gleichzeitige Fütterung die Nahrungsaufnahme als antagonistische Reaktion einsetzte, empfohl er für Menschen, selbst herbeigeführte Entspannung zu nutzen. Durch die wiederholte Hemmung der Angst aufgrund der Entspannung wird eine langsame Extinktion (Löschung) der Angstreaktion erzielt. Wolpe schlug Jacobsons (1938) progressive Muskelrelaxion als geeignete Methode zur Herstellung der antagonistischen Reaktion vor.

Der Mechanismus wurde folgendermaßen näher erklärt: Durch die gezielte Reizvorgabe, also die Konfrontation mit gefürchteten Situationen, und gleichzeitigem Ausbleiben der Angstreaktion aufgrund der Hemmung, wird die langsame Löschung der Reaktion zwischen Reiz und Reaktion bewirkt. Die Reaktion wird quasi „verlernt“. Richtigerweise müsste man sagen, dass stattdessen die Nicht-Reaktion im Sinne einer Gegenkonditionierung gelernt wird. Die gehemmte Angstreaktion wird mit der Gefahrensituation schrittweise gekoppelt. Nach umfangreichen Forschungen zu Wolpes postulierter Hemmung wird insgesamt aber eher angezweifelt, dass Entspannung eine notwendige Komponente der systematischen Desensibilisierung darstellt (Tyron, 2005).

Es bestehen weitere Erklärungsmodelle für die Wirksamkeit der systematischen Desensibilisierung neben jenem der antagonistischen Hemmung, etwa jenes der Habituation oder Extinktion, neben dem Zwei-Faktoren-Modell von Mowrer (1960). Es können aber keine sicheren ursächlichen Funktionsmechanismen der systematischen Desensibilisierung festgemacht werden, wenn auch ihre Wirksamkeit vielfach belegt wurde (Tyron, 2005).

Die therapeutische Vorgangsweise ist dagegen klar: „In der Systematischen Desensibilisierung werden Therapiebedingungen geschaffen, unter denen ein Patient lernen kann, sich langsam, schrittweise an gefürchtete Situationen anzunähern. (Reinecker, 1999, S. 155) Die Annäherung kann in sensu, also in der Vorstellung, oder in vivo, d.h. in der realen Situation erfolgen. Dabei erstellt der Patient in der Regel eine Liste von angstauslösenden Situationen oder Aufgaben, die ihrer Schwierigkeit nach gereiht werden. Während Wolpes Konzept ursprünglich vorsieht, alle Aufgaben zunächst in der Vorstellung zu bewältigen, „[erweist es sich] als ebenso effektiv ..., in der Bearbeitung der einzelnen Items von vornherein in der Realität zu beginnen.“ (Reinecker, 1999, S. 160) Dazu wurde auch festgestellt, dass die Exposition in vivo jener in sensu überlegen ist (Grawe, Donati & Bernauer, 1994). In jedem Fall wird man um die in vivo-Übungen nicht herumkommen, da schließlich zuletzt die Bewältigungen dieser Situationen das vorher vereinbarte Therapieziel darstellen.

Über die systematische Desensibilisierung wird neben dem langsamen Angstabbau parallel ein Gefühl des Kompetenzzuwachses, neben Motivation zur Behandlung aufgebaut. Das „... kommt dem Therapieprozeß insgesamt sehr zugute.“ (Reinecker, 1999, S. 160) Somit stellt sich die systematische Desensibilisierung nach wie vor als eine erfolgreiche Therapiemethode im Kontext von Ängsten dar.


Literatur:


Grawe, K., Donati, R. & Bernauer, F. (1994). Psychotherapie im Wandel – Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.
Jacobson, E. (1938). Progressive relaxation. Chicago: University of Chicago Press.
Mowrer, O. (1960). Learning theory and the symbolic processes. New York: Wiley.
Reinecker, H. (1999). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Tübingen.
Tyron, W. W. (2005). Possible mechanisms for why desensization and exposure therapy work. Clinical Psychological Review, 25, 67-95.
Wolpe, J. (1958). Psychotherapy by reciprocal inhibition. Stanford: Stanford University Press.